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Ortaia

Forum für niveauvolle Belletristik

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Randnotiz

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Der Leser im Elysium

 

Ja wie denn nun? Leben wir als Leser deutschsprachiger Belletristik in «einer der interessantesten und reichsten Epochen der deutschen Literatur», wie Volker Weidermann das in seinem Literaturführer Lichtjahre so enthusiastisch behauptet hat? Oder hat Literatur-Professor Heinz Schlaffer Recht mit seinem Essay Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, wenn er lapidar feststellt, die Blütezeit der deutschen Literatur endete mit dem Zweiten Weltkrieg? Vielleicht hilft uns Lesern bei der Frage, ob wir uns literarisch wirklich im Elysium befinden, exemplarisch ja ein kritischer Blick auf den Deutschen Buchpreis weiter, der trotz Corona auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2020 verliehen wurde.

 

Es gibt Schätzungen, dass von den hierzulande jährlich ca. 70.000 neuen Buchtiteln etwa 14.000 belletristische Werke sind. Zur Literatur im engeren Sinn, also zur anspruchsvolleren Belletristik in deutscher Sprache, dürften nur wenige Prozent zu rechnen sein, ein paar hundert Bücher allenfalls. Etwas mehr als zweihundert Romane wurden bei den Frankfurtern eingereicht, pro Verlag maximal zwei, und zwanzig davon wurden schließlich für den Preis nominiert. Ist das die Crème de la Crème? Einer der Romane ist es bestimmt, Anne Webers Annette, ein Heldinnen-Epos, dem zu Recht der Deutsche Buchpreis 2020 zuerkannt wurde. Erfreulich sind auch die Romane Herzfaden von Thomas Hettche und Mission Pflaumenbaum von Jens Wonneberger, aber das war's dann auch schon mit den erstklassigen oder erfreulichen Romanen.

 

Zu den von mir mit drei Sternen als lesenswert empfohlenen Romanen mittlerer Qualität gehört Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger, ein postmodernes gesellschafts-kritisches Werk. Ferner Die Infantin trägt der Scheitel links von Helena Adler über ein modernes Aschenputtel und Goldene Jahre von Arno Camenisch, ein in Dialogform erzählter, nostalgischer Rückblick zweier schwatzhafter Kiosk-Besitzerinnen. In 1000 Serpentinen Angst berichtet Olivia Wenzel in Verhörform über Rassismus in Deutschland, und Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff ist ein extrem komprimiert erzähltes Familien-Epos, in dem vieles unscharf bleibt, wie ja schon der Titel verrät.

 

Bleiben zwölf Romane, die ich aus ganz unterschiedlichen Gründen als mäßig oder sogar miserabel negativ bewertet habe, darunter erstaunlicherweise zwei von Autoren, die bewiesen haben, dass sie es deutlich besser können.  Die wohl größte Pleite hat Robert Seethaler mit Der letzte Satz abgeliefert, ein total misslungener Roman über den Dirigenten und Komponisten Gustav Mahler, mit dem er fast überall nur Kopfschütteln ausgelöst hat. Und auch Frank Witzel ist mit seinem semi-autobiografischen Psychiatrie-Roman Inniger Schiffbruch grandios gescheitert, der Buchtitel enthält prophetisch bereits das zutreffende Substantiv. Über die anderen zehn Romane hülle ich hier lieber den Mantel des Schweigens!

 

Ein künftiger Klassiker lässt sich wirklich nicht ausmachen unter den diesjährigen Roman-Neuerscheinungen. Also kein Buch, das man in Jahrzehnten noch kennen und lesen wird, weil es außergewöhnlich gut ist. Unsere gegenwärtige Belletristik teilt vielmehr das Schicksal von Eintagsfliegen, - kaum gelesen, schon vergessen. Und daran ändern weder die inflationäre Flut an wohlmeinenden Literaturpreisen etwas noch die häufigen Jubelrezensionen des Feuilletons. Klassisch, zum zeitlosen Kunstwerk also, wird ein literarisches Werk dann, wenn ihm ein individueller Genius innewohnt. Wenn es also «gleichermaßen vergangen, erinnert und gegenwärtig» ist, wie Heinz Schlaffer das formuliert hat. Als Voraussetzung dafür nannte er «die artistische Beherrschung der Sprache und Toleranz dem Spiel mit Fiktionen gegenüber». All das sei einer nach Buchneuheiten süchtigen Leserschaft, die mit ihren Lieblingsautoren und Bestseller-Romanen im siebten Literaturhimmel schwebt, hier ausdrücklich mal ins Stammbuch geschrieben. Vom Elysium deutschsprachiger Literatur sind wir mit den aktuellen Hervorbringungen aus dem Land der Dichter und Denker tatsächlich seit vielen Jahrzehnten weit entfernt, - leider!

 

 

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