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Ortaia

Forum für niveauvolle Belletristik

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Randnotiz

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Ganz schön frech

 

Es passiert schon mal, dass auch einem um Sachlichkeit bemühten Rezensenten wie mir einfach der Gaul durchgeht. Dann verlässt  man spontan die bewährten Gefilde seriöser Buchbesprechungen, weil es sich um Lesekost handelt, über die man zumindest stilistisch geteilter Meinung sein kann. Auch wenn sich, wie hier, ein ja schon von Haus aus sakrosankter Nobelpreisträger unter den Persiflierten befindet. Davon mögen die folgenden drei ungehörigen Beispiele zeugen, bei denen ich einfach nicht umhin kam, sie sprachlich so gut es geht nachzuäffen. Was mir, ich gebe es ehrlich zu, dann sogar richtig Spaß gemacht hat. Künftige Wiederholungen sind also nicht völlig ausgeschlossen!

 

Linda Nadja Abonji - Tauben fliegen auf

Ich, der diese Rezension schreibt, um seine Eindrücke und Empfindungen nach erfolgter Lektüre festzuhalten, der künftige Leser, der in Erwartung hilfreicher Hinweise meine Kritik an diesem Roman liest, das Feuilleton, welches das Buch zumeist hochjubelte, Ich, den das Buch überhaupt nicht überzeugt hat, Melinda Nadj Abonji, die sich über renommierte Buchpreise freuen darf, Ich, der hinzufügt, wenn einen solche und noch deutlich längere Satzkaskaden nicht irritieren, der Leser, der fragt, lohnt sich das Lesen also doch, Ich, der antwortet, dann eventuell.

 

Marlene Streeruwitz - Nachkommen

Diesen Roman. Den hat sie geschrieben. 2014 erschienen. Marlene Streeruwitz. Aus Österreich. Die kennt man doch. «Nachkommen» ist der neue Titel. Den hat sie sich gewählt. Für ihr Buch. Wie die Verlagsheinis das immer nennen. 432 Seiten bedrucktes Papier. Dieses Buch. Nur Umsatzbringer für die. Im besten Fall auch Gewinnbringer. Verkaufte Auflage ist wichtig. Roman sagen die nicht. Nur Buch. Ist denen egal. Hauptsache Geld kommt rein. Reichlich Geld. Brauchen die immer. Inhalt zählt bei denen nicht. Botschaft. Anliegen. Sprache. Kunst. Alles unwichtig für die. Das muss einen ja wütend machen. Auf den Literaturbetrieb. Die Schickeria der Verlage. Die mit ihren schwarzen SUVs durch Frankfurt brausen. Denkt Nelia Fehn. Zwanzig Jahre alt. Protagonistin im Roman der Streeruwitz. Jungstar der Frankfurter Buchmesse. Absolut jüngste Finalistin bisher. Unter den letzten Sechs. Ist eingeladen zur Preisverleihung. Ihr Verleger übernimmt die Kosten. «Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland». Das hat sie geschrieben. Den Preis bekommt aber doch eine andere Autorin. Macht nichts. Sie sei ja noch so jung. Sagen alle. Wenigstens ist sie schon mal dabei gewesen. Kann ja noch kommen. Später. Obwohl. Das Preisgeld hätte sie gut brauchen können. Sie ist ja ziemlich abgebrannt. Wie man so sagt. Hat auch noch keinen Vorschuss bekommen. Muss sie mal klären. Wenn die Mami das wüsste. Die hat ja auch geschrieben. Autorin war sie. Ist aber tot. Schon lange.

 

Paul Simon - Die Akazie

«Romane, die das Schaffen eines Dichters und Malers mit tiefem Zeitbewusstsein in der Schilderung menschlicher Grundbedingungen vereinen» nannte, begründete (wie sie das laut Satzung zu tun, bekannt zu geben verpflichtet ist) die Schwedische Akademie ihre (für die Fachwelt 1985 ziemlich überraschende) Vergabe (Verleihung) des Nobelpreises für Literatur an den französischen Romancier Claude Simon (dessen Werk sich vornehmlich mit den Themen Geschichte und Krieg befasst (Letzteres aus eigenen Erfahrungen, die der Familie (speziell des Vaters) eingeschlossen): seine Themen würden in der Familiengeschichte wurzeln, hat er dazu angemerkt), jenem dem Nouveau Roman (so die Literaturwissenschaft) zuzurechnenden Autor, der hier nun, in dem Roman «Die Akazie», einem Titel, dessen Bedeutung (die mit der erzählten Geschichte nichts, rein gar nichts verbindet, die allenfalls (oder bestimmt) als Katharsis verstanden werden kann, darf) sich erst auf der letzten Seite erschließt, Simon also, der hier eine Art Totenklage, besser ein Lamento über den Krieg anstimmt, zieht dafür alle Register seiner Erzählkunst, wofür typisch eben jene mehrfach verschachtelten (mit zusätzlichen mehrfachen Klammern: an komplizierte mathematische Formeln erinnernd), immer wieder unterbrochenen Endlossätze sind, die der Rezensent hiermit frech (und unzureichend: zugegeben!) nachzuahmen versucht, um den potentiellen Leser nicht etwa abzuschrecken, zu warnen, sondern ihn lediglich (am Beispiel verdeutlicht) vorzubereiten (denn dafür liest man ja Buchbesprechungen, Kritiken) auf das, was auf ihn zukommt: solche sprachlichen Eigenarten nämlich, die durch das stilistische Können (des Autors), die feine Beobachtungsgabe (wie sie Malern nun mal eigen ist), das (sein) Gespür für die Dramatik von extremen Situationen wie dem Krieg, doch mehr als ausgeglichen werden (sofern man in solchen Kategorien überhaupt argumentieren kann: es geht ja um Kunst!), wodurch das Lesen immerhin bereichernd wird (auch mehr?), ein gewisses Durchhaltevermögen vorausgesetzt.

 

PS Und in der Tat, es gibt die prognostizierten künftigen Wiederholungen, wer Spaß daran hat lese auch meine Rezension zu Ferdinand Schmalz, Mein Lieblingstier heißt Winter!

 

 

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