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Ortaia

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Randnotiz

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Quiz im Kiez

 

Ganz in der Nähe meiner Wohnung in München gibt es eine beliebte Szenekneipe mit dem schönen Namen ‹Stragula›. Von einer engagierten Gruppe junger Autoren wird dort einmal im Monat unter dem Namen ‹Westend ist Kiez› eine Lesebühne veranstaltet. In stets wechselnder Besetzung werden dabei von den Mitgliedern und gelegentlichen Gästen eigene, meist amüsante Texte vorgetragen, aber auch lyrische oder kontemplative. Nach der Pause beginnt der zweite Teil des Abends traditionell mit einem Quiz. Gesucht werden Autor und Titel des Buches, dessen erster Satz jeweils vorgelesen wird. Erstaunlicher Weise gibt es oft jemanden im Publikum, der dann tatsächlich auch weiß, welches Buch mit diesem Satz beginnt.

 

Bei einer der ersten dieser Veranstaltungen, die ich besucht habe, wurde Folgendes vorgelesen: «Ich zögere, diesem unbekannten Gefühl, dessen Wehmut und Süße mich bedrücken, einen Namen zu geben, den schönen und ernsten Namen Traurigkeit». Stille im Saal, bis jemand hinter mir ‹Traurigkeit, Tristesse› vor sich hinmurmelte, mehr kam aber nicht. ‹Tristesse› war wie eine Steilvorlage für mich, ich rief «Bonjour Tristesse» und konnte auf Nachfrage natürlich auch noch die Autorin nennen, Francoise Sagan. Der Preis war wie immer ein Buch eines der Poeten aus der Lesebühne-Gruppe. Ich habe es dann der Dame hinter mir verehrt, die mir ja das Stichwort geliefert hatte. Von allein wäre ich wohl kaum drauf gekommen, ich hatte nur den Film gesehen, das Buch kannte ich nicht, - Ehrensache, dass ich es dann schon bald auch gelesen habe.

 

Nun soll ja der erste Satz eines erzählerischen Werkes oft schon die ganze Geschichte enthalten, Edgar Allen Poe hat das wohl als Phänomen entdeckt. Ich konnte im Internet zwar keine Bestätigung dafür finden, bin aber auf einen Wettbewerb der Initiative Deutsche Sprache gestoßen, die 2007 den schönsten ersten Satz eines erzählerischen Werkes in deutscher Sprache gesucht hat. Nachfolgend die Reihenfolge der Preisträger:

  1. Ilsebil salzte nach. ‹Der Butt› von Günter Grass.

  2. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. ‹Die Verwandlung› von Franz Kafka.

  3. Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging. ‹So zärtlich war Suleyken› von Siegfried Lenz.

Die Idee mit dem Quiz habe ich später in einem von mir gegründeten Lesekreis gerne aufgegriffen, und weil's so schön ist, gebe ich hier noch ein paar weitere Beispiele zum Besten:

  • Er war ein alter Mann, und er fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen. Hemingway

  • Nennt mich Ismael. Melville

  • Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen. Salinger

Na, wie heißen denn nun die Romane zu diesen drei ersten Sätzen oben? Die Autoren habe ich ja immerhin schon genannt, das vereinfacht die Sache doch ungemein!

 

 

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17.01.2021

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