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Ortaia

Forum für niveauvolle Belletristik

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Randnotiz

Nr. 07  16.04.2021

 

Jedem das Seine

 

Zum ersten Mal nach acht Jahren als eifriger Rezensent erreichte mich vor einiger Zeit per E-Mail überraschend folgende Anfrage:

 

Hallo Herr vom Berg,

Leider ist es mir nicht gelungen, Ihnen über Ihr Kontaktformular auf Ihrer Website zu schreiben (Die Funktion "Ich bin kein Roboter" verweigert sich). Ich bin gerade zufällig auf Ihre Seite gestoßen. Vielleicht haben Sie ja Lust meinen Roman zu rezensieren: "Brandneu". Alles Weitere im anhängenden Pressinfo. Ein Rezensionsexemplar lässt der Verlag Ihnen natürlich gerne zukommen. 

Über eine Antwort würde ich mich freuen,

beste Grüße Autor*in xyz

Hallo Autor*in xyz

danke für Ihre Anfrage. Der Stoff Ihres Romans interessiert mich, ich bin bereit, das Buch zu lesen, zu rezensieren und die Buchbesprechung auf meiner Website zu veröffentlichen. Wie ich literarisch ticke und dass ich nicht nur Fünf-Sterne-Rezensionen schreibe, haben Sie anhand der Bücherlisten meiner Website sicherlich mitbekommen. Sobald ein Rezensionsexemplar in meinen Händen ist, schiebe ich diese Lektüre vorzeitig in meine aktuelle Leseliste ein. Meine Rezension kann ich, wenn Sie es wünschen, unter meinem Namen auch auf  Literaturzeitschrift.de,  Amazon.de und Buecher.de hochladen, wo alle meine Rezensionen zusätzlich veröffentlicht sind.

Schönen Gruß aus München

Bories vom Berg

Hallo Herr vom Berg,

prima, dann bitte ich den Verlag, Ihnen ein Rezensionsexemplar zu schicken. Veröffentlichen Sie Ihre Rezension gerne auf allen Plattformen, auf die Sie Zugriff haben – auch wenn Sie nicht soooo viele Sterne vergeben!

Beste Grüße und vielen Dank für Ihr Interesse!

Autor*in xyz

 

Es sind dann drei Sterne geworden, was lesenswert bedeutet bei Ortaia.de und bei Literaturzeitschrift.de, nicht schlecht  bei Amazon.de und gut bei Buecher.de, - eine durchschnittliche Bewertung also. Als die Rezension veröffentlicht war, habe ich Autor*in xyz darüber informiert, seither aber nichts mehr gehört von dort, es gab keinerlei Reaktion, kein Dankeschön, nichts! Und wie es der Zufall will, erreichte mich nicht lange danach noch mal eine gleichartige Anfrage. Die Inhalts-Beschreibung auch dieses Romans erschien mir vielversprechend, vorsorglich habe ich aber ausdrücklich auf meine Auswahlliste für fünf Sterne hingewiesen, ich lerne ja dazu! In der Antwort hieß es, man sei sich darüber im Klaren, das eigene Buch beispielsweise nicht mit der «Schachnovelle» vergleichen zu können. In diesem zweiten Fall konnte ich dann sogar vier Sterne vergeben, das Buch war für mich eine durchaus erfreuliche Lektüre. Die Reaktion aber war die gleiche, beredtes Schweigen!

 

Was ja nicht verwunderlich ist, denn es gibt wohl keinen Autor auf der ganzen Welt, der sein jeweils neuestes Buch nicht für das allerbeste hält. Alles unter fünf Sternen grenzt da schon an Majestätsbeleidigung, man sieht sich in einer Liga mit den Großen der Weltliteratur, mit Flaubert, Tolstoi, Musil, Faulkner, Saramago, Joyce, Fontane, Proust. Auf Ortaia.de liegt der Anteil von Fünf-Sterne-Rezensionen bei ca. 15%, es ist eben nicht alles erstklassig! Auch Marcel Reich-Ranicki hat sich ja öfter mal über die mimosenhafte Empfindlichkeit von Schriftstellern mokiert. Einer von ihnen, Martin Walser, hat sich dann bekanntlich mit einem Roman an ihm gerächt, Tod eines Kritikers. Walser war es auch, der die Kritiker allesamt bei einem Treffen der Gruppe 47 wutschnaubend mal als Lumpenpack bezeichnet hat. Man eckt also in jedem Fall an in Autorenkreisen, wenn man nicht jedes Buch als erstklassig, gefällt mir sehr oder ausgezeichnet beurteilt, wenn man also weniger als fünf Sterne vergibt. Das sei an dieser Stelle einfach mal kundgetan. Und dass die Leser als letzte Instanz den Wert eines bestimmten Buches teilweise dann auch noch ganz anders sehen, das liegt ja wohl ebenfalls in der Natur der Sache. Suum cuique!

 

PS  Dass derartige Anfragen künftig zwecklos sind, versteht sich von selbst!

 

 

 

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