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Wie es weitergeht

Vom Abschneiden alter Zöpfe

 

16Zum Schluss möchte ich wieder auf die alte Kunst des Erzählens zurückkommen, die in Form des Hörbuchs inzwischen einen beachtlichen Aufschwung genommen hat. Meine Erfahrungen mit diesem Mittler zwischen Autor und Hörer, - Leser ist er dabei ja nicht mehr -, liegen über zwei Jahrzehnte zurück. Damals hatte ich täglich Gelegenheit, eine Hörfunkreihe des ehemaligen Südwestfunks mit dem Titel «Fortsetzung folgt» am Lautsprecher mitzuerleben. Auf diese Weise habe ich so manchen guten Roman kennen gelernt, den ich später dann gelegentlich auch noch mal selbst gelesen habe. Aber so unter die Haut gehend, wie Gert Westphal zum Beispiel Theodor Fontanes Roman «Vor dem Sturm» vorgelesen hat, so intensive Empfindungen konnte das eigene Lesen nicht bewirken. Eine gute Geschichte, von einem begnadeten Sprecher wie Westphal vorgetragen, kann Literatur noch um eine ganze Dimension erweitern, das habe ich damals gelernt. «Kann», denn ich habe auch Negativ-Beispiele erlebt! Die Lesung eines jüngst erst verfilmten Romans durch die Autorin selbst war derart farblos gesprochen, regelrecht heruntergeleiert, fast ohne jede Betonung, dass ich total verschreckt war. Ich habe ihr Buch erst viele Jahre später mal zur Hand genommen und fand es nun eigentlich ganz gut, deshalb nenne ich zum Dank, diskret wie ich bin, weder Autorin noch Titel. Wie man sehen kann, muss als Vorleser ein Profi ran, und wenn man die Hörbücher mal daraufhin anschaut, findet man ja auch meist die Namen bekannter Schauspieler, die Sprechen wirklich gelernt haben. Ben Becker beispielsweise hat mit seiner spektakulären Lesung der Bibel erst jüngst einen Riesenerfolg gehabt. In meinem Schrank wartet als Hörbuch-Schmankerl für besondere Gelegenheiten neben manch Anderem der «Doktor Faustus» von Thomas Mann, gelesen von Gert Westphal auf zweiundzwanzig CDs. Ich habe das Buch zwar gelesen, freue mich aber trotzdem schon sehr auch auf das Hörbuch, es wird mir ganz gewiss noch neue Facetten der Geschichte eröffnen. Westphal hat außer Goethe und Fontane besonders gern wohl auch Thomas Manns Werke gelesen, und so dürfte es denn auch kein Zufall sein, dass sich das Grab dieses unvergessenen Sprechers direkt neben dem von Thomas Mann auf dem Friedhof von Kilchberg am Züricher See befindet. Mit dem Hörbuch schließt sich, das finde ich sehr bemerkenswert und schön obendrein, heute also wieder der Kreis zur Antike mit ihrer mündlichen Erzähltradition.

 

Womit wir auch bei der Frage sind, ob die Erzählung in papierner Form eine Zukunft hat, ob uns also die Geschichten weiterhin gedruckt übermittelt werden oder elektronisch, wie es sich mit dem E-Book ja bereits abzeichnet. Erste Geschichten hat der Mensch in Stein gemeißelt, dann in Ton geritzt und gebrannt, mit Tinte auf Papyrusrollen geschrieben, später handschriftlich auf Papier und in Büchern gebunden, und nach Gutenbergs Erfindung dann ab Ende des Mittelalters nicht mehr durch Abschreiben manuell vervielfältigt, sondern gedruckt. Daran hat sich im Prinzip nichts geändert bis zum heutigen Tage, aber bleibt das so?

 

Als vor vielen Jahren die ersten Digitalkameras aufkamen, haben mir damals die Fotografen unisono versichert, das würde sich nie durchsetzen, - inzwischen fotografieren selbst viele Profis nur noch digital. Und genau so argumentieren heute viele Buchleser, denen es völlig undenkbar erscheint, den Text vom Bildschirm abzulesen und nicht vom Papier. Die Praxis wird auch sie widerlegen, vermute ich mal. Aber noch sind die wohlgefüllten Billy-Regale als Beweis für die eigene Belesenheit unverzichtbar, ein geistbezogenes Statussymbol, das sich aus den Zeiten des bildungsbeflissenen Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert erhalten hat, wo private Bibliotheken ja nicht selten sogar in einem eigenen Raum untergebracht waren. Der Philosoph Seneca hat sich vor zweitausend Jahren schon über diese protzige Zurschaustellung von Büchern lustig gemacht und dabei insbesondere die berühmte Bibliothek von Alexandria aufs Korn genommen. Mit der persönlichen E-Book-Bibliothek unserer Tage, egal wie groß sie ist, wird man niemandem mehr imponieren können, und die bibliophile Sammelwut lässt sich damit auch nicht befriedigen!

 

Aber wenn das Ganze irgendwann sowieso elektronisch abläuft, dann kauft man sich vielleicht statt dem E-Book besser gleich das Hörbuch, gelesen von einem erstklassigen Sprecher, der das Werk des Autors kongenial ergänzt und zu einem echten Erlebnis werden lässt. Nicht anders übrigens als der Musiker, mit dessen Kunst aus der geschriebenen Partitur des Komponisten ja auch erst ein musikalisches Ereignis wird. - Dann hat man nebenbei bemerkt nicht nur die Hände frei, sondern auch den Kopf. Man kann sich mit geschlossenen Augen ganz seinen Phantasien hingeben, wenn man dem Vortrag lauscht, kann völlig unbeschwert das Kino im Kopf genießen, sich dem Rausch der Bilder überlassen. Dieser Fortschritt wäre ähnlich epochal wie der beim Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm. Warum sollte denn ausgerechnet die Literatur an den alten Zöpfen festhalten?

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