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Warum wir lesen

Von Darwin, Freud und Epikur

 

Jede Suche hat ein Ziel, das definiert werden muss, auch unsere Suche nach dem guten Buch kann da keine Ausnahme sein. Was also ist unser Ziel? Wir müssen festlegen, was wir von dem gesuchten Buch erwarten, was wir uns davon versprechen, es zu lesen. Aber da ist dann zunächst noch die Frage, warum lesen wir überhaupt Belletristik, was bringt uns das?

 

Ein evolutionärer Vorteil ist daraus eindeutig nicht zu ziehen, jedenfalls soweit es nur unseren vorab umrissenen Themenbereich Dichtung betrifft, Charles Darwins Theorie ist also außen vor. Folglich muss es sich um Formen von Lustgewinn handeln, die uns zwar nicht direkt nutzen, uns aber Genüsse bescheren, nach denen es uns Menschen ja immer verlangt, wie Sigmund Freud behauptet hat. Epikur hat genussvolles Leben sogar zum Kern seiner Philosophie erhoben, - ihm zu folgen ist übrigens keine schlechte Idee! Man könnte mit einigem Recht sagen, dass in jedem Leser auch ein Epikureer verborgen ist, der unterschwellig hedonistische Ziele verfolgt, bei dem das Lesen also Botenstoffe freisetzt, die ihm ein wohliges Gefühl bereiten. Insoweit birgt Lektüre sogar Suchtpotential, denn wohlfühlen will man sich ja immer, und wenn man zum Beispiel an die Spezies der Leseratte denkt, zuweilen auch als Bücherwurm bezeichnet, ist das auch gar nicht von der Hand zu weisen mit der Sucht. Aber wo nimmt man denn nur immer den «Stoff» dafür her? Das ist, wie beim Junkie auch, die bange Frage, - der wir uns aber langsam nähern, nur Geduld!

 

Die möglichen Erwartungen an eine Lektüre dürften bei jedem Leser individuell völlig verschieden sein, folglich sind auch seine Wertungen dementsprechend unterschiedlich, was die zum Teil verwirrenden Widersprüche in den Rezensionen erklärt. Wir lesen jedenfalls, weil wir nun mal neugierig sind auf Geschichten, weil es uns bewegt, einbezieht, anrührt, bereichert, anregt, amüsiert, belehrt, bildet, erhöht. Und nicht zuletzt, weil «Lesen beflügelt», wie mein in Stein gemeißeltes Credo lautet, uns gedanklich fliegen lässt, und zwar ohne jedes Limit, was ja in dem Lied «Die Gedanken sind frei» so schön zum Ausdruck kommt! «Va pensiero» heißt es im Gefangenenchor der Verdi-Oper Nabucco, Italiens heimlicher Nationalhymne, in der deutschen Version singt man «Flieg Gedanke».

 

Als geistige Nahrung hat der Verleger Franz Greno Bücher in einer Talkshow mal bezeichnet. Für mich ist Lektüre ein Fitness-Training für den Geist. Und wie beim Training für den Körper sollte man sich auch hier permanent fordern, um fit zu bleiben, sich also nicht faul die Zeit zu vertreiben mit anspruchslosen Schmökern, sondern die Lesezeit zu nutzen, um geistig voran zu kommen, um sich inspirieren, um sich beflügeln zu lassen.

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