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DOUGLAS STUART

 

SHUGGIE BAIN

 

Deprimierende Milieustudie

 

Der in Glasgow geborene, seit zwanzig Jahren in New York lebende Modedesigner Douglas Stuart hat mit seinem ersten Roman «Shuggie Bain» im vergangenen Jahr der britischen Booker Prize gewonnen. Das seiner alleinerziehenden Mutter gewidmete, stark autobiografisch geprägte Buch des homosexuellen Autors spielt in seiner Geburtsstadt zur Zeit des Thatcherismus. Auch seine Mutter war verarmt und starb an den Folgen des Alkoholismus, und last not least ist die Titelfigur ebenfalls queer.

 

Mit viel Einfühlungsvermögen wird in diesem Roman eine tragische Geschichte aus einer Zeit der Massen-Arbeitslosigkeit erzählt. Deren Ursache waren in den achtziger Jahren die radikalen Reformen der Eisernen Lady, die zu sozial nur unzureichend abgesicherten Schließungen von Kohlezechen und Stahlwerken führten und viele Familien in ein bodenloses Elend stürzten. Die geschiedene Agnes, Mutter zweier Kinder, heiratet den Taxifahrer ‹Big Shug Bain und bekommt mit ihm ein drittes Kind, das alle nur Shuggie nennen. Die schöne Frau, von den Männern bewundert und begehrt, von den Frauen, wen wundert’s, beneidet und angefeindet, bewahrt in all dem Elend ihren Stolz, sie ist immer topp gepflegt, gut gekleidet und sorgt für ihre Kinder. Man wohnt zusammen mit ihren Eltern zu siebt in einer kleinen Arbeiterwohnung. Bis der virile Shug, der gleich mehrere Geliebte hat, für seine Familie eine eigene Wohnung in einer armseligen Vorstadt-Siedlung findet. Er lässt sie dort dann aber allein und kommt nur gelegentlich mal vorbei. Dieser narrativen Exposition folgt die meist aus der Perspektive des anfangs etwa sechsjährigen Shuggie erzählte Geschichte von Agnes. Deren Selbstbewusstsein kippt allmählich in eine quälende Agonie um. Sie wird ein Opfer der bedrückenden äußeren Umstände, verfällt nach und nach immer mehr dem Alkohol, kommt in eine Entziehungs-Anstalt und schafft es dann tatsächlich, auch mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker, ein ganzes Jahr lang trocken zu bleiben. Ein neuer Verehrer erscheint zunächst als der rettende Engel, der sich rührend um sie bemüht, dann aber den verhängnisvollen Fehler begeht, Agnes bei einem ersten, feierlichen Restaurant-Besuch zu einen ganz kleinen Schlückchen Wein zu überreden, - aus dem Schluck wird ein ganzes Glas. Der verhängnisvolle Teufelskreis beginnt, wie zu erwarten, aufs Neue. Als emphatischer Leser ist man schockiert, aber «Shuggie Bain» ist halt kein Kuschelroman!

 

Die stilistisch im sozialen Realismus erzählte Geschichte verzichtet auf Ausschmückungen, in geradezu asketischer Weise werden nüchtern und detailgenau die damaligen Lebensumstände beschrieben. Gleichwohl gelingt es dem Autor, den Leser empathisch für seine in diesem tristen Umfeld agierenden Figuren einzunehmen. Er schildert sie als unrettbar in Ihrem Milieu gefangene, depressive Menschen und eröffnet den Desillusionierten kaum eine Perspektive zu sozialem Aufstieg. Andererseits zeigt er aber auch brutal realistisch die aus der Chancenlosigkeit erwachsende, abschreckende Bösartigkeit, die sich da zuweilen Bahn bricht. Gehässige Intrigen, Vergewaltigungen am laufenden Band, Gewaltexzesse, die Quälereien, denen der weibische Titelheld permanent ausgesetzt ist, geben dem Geschehen im Roman seine bedrückende erzählerische Grundierung.

 

Das Problem dieses Romans ist der Widerspruch zwischen dem deprimierenden, manchmal ins Groteske abdriftenden Milieu des Plots und den brillanten sprachlichen Bildern, in denen so locker davon berichtet wird. Nicht wenig überzogen ist leider auch die Rolle des kindlichen Helden als selbstloser Retter der immer tiefer im Suff versinkenden Mutter. Zu loben ist die Übersetzung des gelegentlichen Proletarier-Jargons in ein adäquates, leicht lesbares Deutsch. «Ich wollte mit dem Buch erreichen, dass die Leser nicht nur sehen, wie furchtbar Armut ist, sondern auch, mit welcher Würde sich arme Menschen durchs Leben bewegen» hat der Autor erklärt. Und das ist ihm fürwahr gelungen.

 

3* lesenswert - Bories vom Berg -23. September 2021

 

 

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