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ORHAN PAMUK

 

ROT IST MEIN NAME

 

Gipfel literarischer Ambivalenz

 

Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk nutzt seine Reputation als hochgeachteter Schriftsteller gern zu politischer Einflussnahme. Er ist als Mahner unbequem in seiner vom Selbstverständnis her zwischen Orient und Okzident zerrissenen, türkischen Heimat, in der man ihn als besonnenen Vermittler denn auch heftig anfeindet. Von diesen spezifisch nationalen Identitätsproblemen handelt auch sein Roman «Rot ist mein Name», der die Konflikte historisch am Buchmalerstreit Ende des 16ten Jahrhunderts spiegelt. Die zunächst nur auf prachtvoller Kalligrafie und üppiger Ornamentik beruhende orientalische Buchkunst wurde damals zunehmend ergänzt durch eine figurale Malerei, die im Widerspruch stand zum streng orthodoxen Islam. Einige Maler jener kunstvollen Miniaturen in den wertvollen Büchersammlungen der osmanischen Herrscher sind Protagonisten des vorliegenden Romans.

 

Die zeitlich neun Tage im schneereichen Winter des Jahres 1591 umfassende, in 59 Kapiteln multiperspektivisch erzählte Geschichte beginnt furios: «Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens.» Fein Efendi, ein Ornamentierer und Vergolder aus einer Malertruppe in Istanbul, die im Auftrag des Padischahs an einem geheimen Buch arbeitet, wurde erschlagen und in einen Brunnen geworfen, er spricht nun aus dem Zwischenreich, jener Zeit zwischen Tod und Jüngstem Gericht, direkt zum Leser und fordert ihn auf, seinen Mörder zu finden. Im nächsten Kapitel «Mein Name ist Kara» berichtet der Meister-Illustrator von seiner Ankunft in Istanbul nach zwölfjährigem Aufenthalt in fernen Ländern. Sein Oheim, der ihm damals die Hand seiner Tochter Şeküre verweigert hatte, braucht ihn zur Fertigstellung des geheimen Buches. Außer dem Oheim, Kara und Şeküre kommt ein Hund zu Wort, ein Baum, der Altmeister Osman, die Straßenhändlerin Esther, der Mörder, die drei Maler aus der Werkstatt des Oheims Schmetterling, Storch und Olive, eine Münze, der Tod, die Farbe Rot natürlich, die dem Roman seinen Titel gab, Satan, eine Frau und zwei Gottesnarren. Die Liebe zwischen Kara und Şeküre bildet den einen, die Suche nach dem Mörder, der später auch den Oheim umbringt, den zweiten Handlungsstrang in dem chronologisch erzählten Plot. Im letzten Kapitel, ganz am Ende, überrascht uns Şeküre: «Weil es unmöglich sein wird, diese Geschichte zu malen, habe ich sie meinem Sohn Orhan erzählt, damit er sie vielleicht aufschreibt.» (sic!)

 

Neben der kurz skizzierten eigentlichen Handlung nehmen endlos scheinende Gespräche der Buchmaler den weitaus breitesten Raum ein, historische Einschübe und ausufernd detaillierte Erörterungen der orientalischen Maltechniken, bis zum letzten Pinselstrich sozusagen. Die aus Venedig stammende Neuerung perspektivischer Malerei und die «fränkischen» Art der realistischen, nicht idealisierten Darstellung, zu der zum Beispiel auch das Hinzufügen von Schatten gehört, die das vorher flächige Bild erstmals plastisch wirken lässt, erregt die Gemüter ebenso wie ganz neuartige Bildmotive. Diese im Islam als Revolution, ja als Ketzerei empfundene neue Malweise ist denn auch der Anlass für die beiden Morde.

 

Wem, fragte ich mich am Ende bestürzt, könnte man diesen Roman zur Lektüre empfehlen? Nur hartgesottenen Lesern, die auch noch unendliche Geduld mitbringen! Geduld mit einer verschnörkelten, überbordend arabesken Erzählweise, mit in epischer Breite abgehandelten, kulturhistorischen Details, mit einer auch für Orientalisten wohl kaum verifizierbaren, inflationären Schar von Herrschern, Kriegern, Malern, deren eigentlich völlig irrelevante Namen die Verwirrung des Lesers vollends auf die Spitze treiben. Zudem stehen dem beim Lesen zuweilen wohltuenden Humor schockartig brutalste Grausamkeiten gegenüber, viel abstoßender noch wirkt die omnipräsente, häufig thematisierte Päderastie. Ich habe selten einen so ambivalenten Roman gelesen - und mich auch noch nie so schwer getan, ihn für mich stimmig zu bewerten!

 

2* mäßig - Bories vom Berg - 22. Dezember 2015

 

© Copyright 2015

 

 

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