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ELIA KAZAN

 

AMERIKA AMERIKA

 

Ein Filmskript mutiert zum Roman

 

Allen Cineasten dürfte bei Titeln wie «Endstation Sehnsucht», «Die Faust im Nacken» oder «Jenseits von Eden» sofort der amerikanische Regisseur griechischer Abstammung Elia Kazan einfallen, dessen Filmkarriere durch viele Oscars gekrönt wurde, unter anderem auch für sein Lebenswerk. Wegen seiner Haltung während der McCarthy-Ära verschiedentlich angefeindet, unter anderem von Arthur Miller, hatte er sich seit den siebziger Jahren zunehmend auf die Schriftstellerei als künstlerischem Ausdrucksmittel zurückgezogen, aus seiner Feder stammen neben seiner Autobiografie sieben Romane. Einer davon ist «Amerika Amerika», zunächst eigentlich als Filmskript geschrieben, von ihm dann aber doch als Roman veröffentlicht, sein Spielfilm «Die Unbesiegbaren» basiert auf diesem Stoff.

 

Ein Zufall hatte mich zu diesem Buch gebracht, und die Neugier dann zum Lesen, denn diesen Titel hatte ich erst kürzlich in meiner Leseliste verzeichnet, in einem Wort zwar, «Amerika» also, von niemand Geringerem als von Franz Kafka geschrieben. In beiden Romanen geht es um die Sehnsucht nach dem «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», bei Kafka allerdings als Geschichte, die schon vor Ort passiert, während Kazans Roman ausschließlich den Weg eines Auswanderers dorthin beschreibt, mit der ungeheuren Anziehungskraft dieses Landes als mächtiger Triebfeder der gesamten Handlung.

 

Seine Herkunft vom Filmskript merkt man Kazans Roman schon im ersten Satz an, er beschreibt einen Berg in Anatolien, dann hört man ein Lied und Stimmen. Es folgt die Schilderung einer Szene, die sich auf einem Eisfeld am Hang des Berges abspielt, zwei Männer zerhacken Eis in handliche Stücke. Nicht nur diese Eingangsszene, der ganze Roman ist im Präsens geschrieben, in seiner Sprache stilistisch einem Bühnenstück sehr ähnlich, also äußerst dialogreich, außerdem streng linear erzählt ohne Rückblenden, immer vorandrängend. Der griechischstämmige Protagonist Stavros hat viel durchzumachen, bevor er unbeirrbar sein Traumziel erreicht, und auf dem Weg dorthin führt Kazan den Leser tief hinein ins türkisch beherrschte Anatolien Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen griechischen und armenischen Minderheiten und den daraus folgenden ethnischen Konflikten. Das ist interessant und den eigenen Horizont erweiternd zu lesen. Manchmal wird es sogar lustig, wenn man zum Beispiel schmunzelnd miterlebt, wie kunstvoll und trickreich dort Ehen gestiftet wurden und ja wohl heute noch werden. Am Ende turbulenter Ereignisse ist Stavros als Schuhputzer endlich in New York gelandet und kann seiner erwartungsfrohen Familie die ersten Dollars schicken, deren Herkunft aber sein Geheimnis bleibt, es ist dies nämlich der Liebeslohn für sein amouröses Verhältnis mit einer etwas älteren, verheirateten Dame während der Schiffspassage nach Amerika.

 

Die punktgenaue, schnörkellose Erzählweise bewirkt, dass diese nette Geschichte mit ihren überraschenden Wendungen schon nach knapp hundertdreißig Seiten beendet ist. Manche Leser mögen es ja so, ein schnelles Lesevergnügen mithin, bei dem der Plot überaus deutlich im Mittelpunkt steht. Theodor Fontane hätte seinen großen Roman «Der Stechlin» auf fünfzig Seiten unterbringen können mit einer vergleichbar komprimierten Erzählweise. Das Interessanteste dürfte also der besondere sprachliche Stil Kazans sein, den man nicht so häufig findet in der Literatur, der aber durchaus seinen Reiz hat.

 

3* lesenswert - Bories vom Berg - 16. August 2013

 

© Copyright 2013

 

 

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