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RALPH DUTLI

 

SOUTINES LETZTE FAHRT

Kommentar lesen

Ralph Dutli - Soutines letzte FahrtManchmal kommt das Beste eben zum Schluss!

 

Nicht jeder Bücherfreund wird mit dem Namen Chaim Soutine etwas anfangen können, es sei denn, er kennt sich gut aus in der Welt der Malerei. Spätestens mit der Lektüre des Romans «Soutines letzte Fahrt» von Ralph Dutli, dem Erstling dieses als Lyriker bekannten Schweizer Autors, dürfte sich das entscheidend ändern. Schon das vollformatige, bunte Titelbild wirkt ja erhellend, zeigt es doch des Malers wohl berühmtestes und in seiner speziellen Malweise für ihn typisches Gemälde, «Der Konditorjunge von Céret». In einer geschickt zwischen historischen Fakten und phantasievoller Fiktion hin und her pendelnden Erzählung schildert der Autor das turbulente Leben dieses weißrussischen Malers jüdischer Konfession in seinen Höhen und Tiefen, und sein Ende natürlich auch, auf das ja der Romantitel schon hinweist, seine «letzte Fahrt» nämlich.

 

«Die Welthauptstadt der Malerei» ist in dieser Biografie der eigentliche Schauplatz des Geschehens, das Paris der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts, die Metropole des Expressionismus und Surrealismus. In den Cafés von Montmartre tummelt sich eine illustre Gesellschaft von Schriftstellern und Malern, viele bekannte Namen sind darunter, und Soutine ist einer von ihnen, erlebt in seinem Atelier die Höhen und Tiefen des Künstlertums jener Zeit. Bis dann der zweite Weltkrieg und die Besetzung der Stadt durch die Deutschen ihn als Juden in die Illegalität zwingt, er muss sich verstecken, schließlich aufs Land fliehen. Ein Magengeschwür, an dem er schon jahrelang leidet, zwingt ihn zur heimlichen Rückkehr, nur eine sofortige Operation in Paris könnte ihn eventuell noch retten. Und so wird er auf Nebenwegen, ständig den allgegenwärtigen Kontrollen der Besatzer ausweichend, in einem Leichenwagen versteckt nach Paris gebracht, begleitet von Marie-Berthe Aurenche, von ihm «Ma-Be» genannt, die ehemalige Frau von Max Ernst, die sich seiner wie ein Schutzengel angenommen hat.

 

Im Delirium ziehen während dieser beschwerlichen Fahrt die Stationen seines Lebens an dem unter Morphium stehende Maler vorbei, ein endloser innerer Monolog, von der frühesten Jugend in Smilowitschi bei Minsk über Wilna bis ins Mekka der Malerei, in die Stadt an der Seine. Halluzinierend durchlebt er noch mal die bitteren Hungerjahre seiner erbärmlichen Existenz, er erinnert sich an seine enge Freundschaft mit Amedeo Modigliani, an seinen langjährigen Kunsthändler Zborowski, an die glückhafte Entdeckung schließlich durch den amerikanischen Kunstsammler Barnes, der Dutzende seiner Werke kauft und ihm damit erstmals ein weniger bedrückendes Leben ermöglicht. In dieser an bizarren Details reichen Biografie kommt sogar das wegen der Gurlitt-Affäre hochaktuelle Thema Raubkunst zur Sprache, auch in Paris werden natürlich viele Kunstwerke für Görings «Carinhall» und für das geplante Linzer Führermuseum konfisziert. Bei Soutines Beisetzung schließlich auf dem Montparnasse stehen Max Jakob, Jean Cocteau und Pablo Picasso an seinem Grabe, und auch seine beiden letzten Frauen, «Mademoiselle Garde», mit der er eine uneheliche Tochter hat, und «Ma-Be» natürlich.

 

Ralph Dutli ist es gelungen, den Schreibstil seines Romans perfekt dem Sujet anzupassen, der expressiven Malkunst von Chaim Soutine. Beides jedoch dürfte nicht jedermanns Sache sein, die Malkunst wie die Sprachkunst. Letztere, und nur davon soll hier die Rede sein, leistet sich viele Längen, nervt zuweilen sogar mit den ausufernden Morphium-Fantasien. Und so ist denn auch das letzte Kapitel des Romans für mich das erfreulichste, denn überraschend tritt da plötzlich der Autor als Ich-Erzähler auf und erläutert seine Motive, seine Faszination für diesen Stoff, trifft dann auch noch auf einen mysteriösen, ehemaligen Geheimagenten, der einst bei der Beerdigung Soutines anwesend war und ihm einiges Denkwürdige sagt, sogar zum Thema innerer Monolog übrigens. Manchmal kommt das Beste eben zum Schluss!

 

2* mäßig - Bories vom Berg - 21. November 2013

 

 

© Copyright 2013

 

Bibl Karl-Heinz

Ich lese derzeit dieses Buch und bin erstaunt über Ihre Rezension, die ja doch recht positiv ist bis auf Ihre Kritik an den Längen und Wiederholungen, die aber vielleicht auch durchaus gewollt sind als Stilmittel um die zirkulierenden Gedanken in eben so einem Morphiumrausch (den Sie vermutlich so wenig kennen wie ich) darzustellen, nämlich dass Sie diese positive Darstellung des Buches mit der Vergabe von nur zwei Sternen kombinieren. Dazu möchte ich Sie fragen: warum nur zwei Sterne?

 

Antwort

Exakt diese Längen und die schier endlosen Fieberträume haben mir den Spaß an diesem Roman gründlich verdorben. Meine sicherlich ganz persönliche Wertung mit zwei Sternen geht vor allem im Vergleich mit meinen anderen Rezensionen völlig in Ordnung.

 

Bibl Karl-Heinz

Ich hab auch einige ihrer anderen Rezensionen angesehen - und Sie haben recht: Sie sind sparsam mit den Sternen. Das ist natürlich jedermanns Sache, aber ich für meinen Teil kann gar nicht so oft weniger als drei Sterne vergeben, da ich ja schon bevor ich ein Buch zu lesen beginne, Informationen darüber einhole, oder vermute, dass es mir gefallen wird, weil von einem Autor, dessen Bücher ich sonst auch mag usw. Und wenn nun ein Buch da oder dort eine Schwäche zeigt, dann kann ich persönlich es nicht als Ganzes schlecht beurteilen. So sehe ich das. Aber das ist jetzt keine Kritik an Ihnen und Ihren Rezensionen, verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Das ist eben Ihre Art, die Dinge zu beurteilen, strenger meinetwegen, das sieht man auch, wie gesagt, in Ihren anderen Rezensionen. (Die ich inhaltlich sehr schätze, zumal Sie viele Bücher behandeln, die ich auch gelesen habe).

 

Antwort

Danke für Ihr Interesse an meinen Rezensionen, in der Tat sind ja einige Romane, über die ich geschrieben habe, auch von Ihnen besprochen worden, wie ich Ihrer Profilseite entnehmen konnte. Unterschiedliche Bewertungen liegen nun mal in der Natur der Sache, die persönlichen Präferenzen sind so verschieden wie die Menschen selbst.

Ich bin an zwei Lesekreisen beteiligt, da bleibt es nicht aus, dass ich Bücher lese, zu denen ich selbst niemals greifen würde. Und oft reizt es mich auch, den Empfehlungen des Feuilletons zu folgen oder die Gewinner von Buchpreisen mal unter die Lupe zu nehmen. Von den geschenkten Büchern ganz zu schweigen, so kommt es dann halt zu den literarischen Flops, über die ich auch schreibe und die gelesen zu haben ich auch nicht bedauere, den Horizont erweiternd sind sie allemal.

Schönen Gruß nach Wien

 

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A

 

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