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FJODOR DOSTOJEWSKI

 

DER SPIELER

 

Kein Schnellschuss

 

Für Prokofjews gleichnamige Oper sowie für diverse Verfilmungen von der Stummfilmzeit bis ins dritte Jahrtausend hinein hat «Der Spieler» von Fjodor Dostojewski immer wieder als Vorlage gedient, was den literarischen Rang dieses Romans eindrucksvoll unterstreicht. Trotz großem Zeitdruck beim Verfassen seiner Geschichte ist Dostojewski kurz nach «Schuld und Sühne» erneut ein Meisterwerk gelungen, welches auch heute noch, fast einhundertfünfzig Jahre nach seinem Erscheinen, seine Leser zu begeistern vermag. Dies mag am Sujet liegen, dem Phänomen der Spielsucht, die zu jener Zeit exklusiv am Roulettetisch ausgelebt wurde und nicht am Computer, wie heutzutage.

 

Auch wenn «Der Spieler» etwas im Schatten steht von Dostojewskis fünf großen Romanen, so ist er doch ein überzeugendes Beispiel der außergewöhnlichen Erzählkunst dieses russischen Schriftstellers, dessen dramatische Themen sich vorzugsweise mit der Seele des Menschen beschäftigen, hier explizit mit dem durch Spielsucht nachhaltig gestörten Seelenheil und allen seinen schlimmen Folgen. In der grotesk anmutenden Umgebung eines noblen Hotels in «Roulettenburg» hofft ein hochverschuldeter, russischer General im Ruhestand mit seiner Entourage auf eine Erbschaft, die ihn aus seinen finanziellen Nöten retten könnte. Der Ich-Erzähler Alexej gehört als Hauslehrer zu diesem Gefolge, er ist in Polina, die Stieftochter des Generals, verliebt. Die aber erwidert seine Liebe nicht, nutzt seine Zuneigung vielmehr ungeniert für eigene Zwecke aus.

 

Aus der erhofften Erbschaft wird nichts, die vermeintlich im Sterben liegende Tante taucht plötzlich quicklebendig in Roulettenburg auf und erklärt ihrem verblüfften Neffen, er bekäme ganz bestimmt kein Geld von ihr. Von Alexej begleitet landet sie nach einer Spazierfahrt voller Neugier im Spielcasino, wo sie sich von ihm kurz in die Regeln einweisen lässt und dann euphorisch zu spielen beginnt. Vom hohen Gewinn des ersten Tages verblendet verspielt sie in den folgenden Tagen rauschhaft ihr ganzes Barvermögen, am Ende muss sie sich für die Heimreise nach Moskau sogar noch Geld leihen. Polina aber ändert ihre bisher abweisende Haltung zu Alexej, sie zeigt ihm erstmals deutlich ihre Zuneigung. Und da sie ebenfalls Schulden hat, eilt der verliebte Alexej prompt selbst ins Casino, um dort das fehlende Geld aufzutreiben. In einer Glückssträhne gewinnt er doppelt so viel wie sie braucht und bringt den Gewinn zu Polina, die aber wirft ihm das Geld vor die Füße und verlässt ihn enttäuscht, weil sie nicht käuflich sei. Er sieht sie nie wieder, bringt sein Geld mit einer Kurtisane in Paris durch, spielt zwanghaft weiter Roulette und landet schließlich völlig heruntergekommen wegen seiner Spielschulden im Gefängnis.

 

Dies und vieles mehr erfährt der Leser in einer spannend erzählten Geschichte mit häufig ziemlich überraschenden Wendungen. Insbesondere die stimmigen Dialoge der verschiedenen Protagonisten sind vergnüglich zu lesen, sie verdeutlichen sehr genau die unterschiedlichen Charaktere von Dostojewskis durchweg markantem Figurenensemble in einer dekadenten Umgebung. Besonders beeindruckend war für mich der kurze, aber ungeschönte Einblick in die Pathologie der Spielsucht, einem Teufelskreis nämlich, den Dostojewski hier aus eigener Erfahrung sehr detailliert geschildert hat. Was aber nicht bedeutet, dass Roulette das alleinige Thema dieses kurzen Romans ist, sehr viel mehr sind es die komplizierten Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten der illustren Gesellschaft, die der Autor uns in seiner Geschichte über eine längst vergangene Epoche so gekonnt vor Augen führt. Kein literarischer Schnellschuss also, auch wenn er nur drei Wochen daran geschrieben hat.

 

4* erfreulich - Bories vom Berg - 13. April 2014

 

© Copyright 2014

 

 

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